Über hundert Pädagogen aus Schulen und Einrichtungen für Jugendarbeit und -hilfe sind Ende Oktober zur Tagung der Aktion Jugendschutz (ajs) gekommen, weil sie Anregungen und Ideen für ihre tägliche Arbeit suchten
Die Videos von Rappern wie Sido oder Azad zeigen Hochhäuser und Straßenviertel, in denen freiwillig niemand leben will. Tätowierte Jungen mit Masken, Waffen und Machogehabe, rhythmische, aggressive Musik, Texte, die von Drogen, Sex und Gewalt handeln – in diesem Spektrum bewegt sich der Gangsta-Rap. Die Szene stellt das bürgerlich moralische Wertesystem auf den Kopf und versetzt es in Alarmbereitschaft.
Lustig oder gefährlich?
„Perspektive ändern und genau hinschauen“, verlangte Hannes Loh, Lehrer, Rapper, Musikredakteur und Autor aus Köln. Er und Murat Güngör, ebenfalls Rapper und außerdem Produzent, wollten den Tagungsteilnehmer/-innen Fragezeichen mit auf den Weg geben und Ausrufezeichen streichen. Warum hören Jugendliche diese Musik? Vor allem Jungen zwischen 12 und 14 Jahren konsumieren die Lieder. Oft kommen sie aus sozialen Brennpunkten, gelten als Versager in der Schule und werden vom Arbeitsmarkt ausgegrenzt. Die Texte spiegeln ihr rückwärtsgewandtes Männerbild . Die Videos zeigen Männer, wie sie selbst gerne wären: mächtig, potent und stark. Frauen kommen kaum vor, höchstens als Prostituierte. Vergewaltigungsfantasien laufen, mehr oder weniger unterschwellig, häufig mit. Die Rapper scheinen authentisch zu sein. Doch zeigen die Videos wirklich das Leben der Künstler? Güngör fragte die Zuhörenden: „Warum kann man die Clips nicht als Fiktion sehen, als Kunst? Von Bruce Willis denkt niemand aufgrund seiner Filme, dass er ein böser Mensch sei. Finden die negativen Zuschreibungen nicht in unserem Kopf statt?“ Loh und Güngör wollten die vorherrschende Denkweise aufbrechen und den Blickwinkel erweitern. Der Gymnasiallehrer Loh zitierte einen Schüler, der die Videoszenen lustig findet. Viele Pädagogen halten sie für gefährlich. Die Diskrepanz kann größer kaum sein. Loh, der seit vielen Jahren Workshops veranstaltet, in denen Rap-Texte zur Diskussion stehen, versicherte: „Viele Jugendliche wissen, dass ihr eigenes Leben anders ist.“ Gangsta-Rap diene als Ventil. Damit könnten sie ihre Wut über Ausgrenzung ausleben und das Gefühl der Schwäche in Stärke umwandeln.
Distanz oder Nachahmung?
Bei Michael Herschelmann vom Kinderschutz-Zentrum Oldenburg klang die Analyse ähnlich. Er nähert sich dem Phänomen inzwischen mit „informierter Gelassenheit“. Der Diplompädagoge erlebte junge Männer, die über die Hip-Hop-Musik zum Macho-Verhalten große Distanz gewonnen hätten. Über eigene Umfragen mit Hauptschülern kam Herschelmann zu dem Ergebnis, dass viele Jungen gut über die Problematik reflektieren. „Sie nehmen die Musik anders wahr, als Erwachsene denken.“ Ob die Bilder Fantasie bleiben oder zu Gewalt führen, sei bisher nicht nachgewiesen worden. Herschelmann kann aber nicht ausschließen, dass zum Beispiel Kinder, die selbst Gewalt erlebt oder traumatische Erfahrungen haben, die Texte beim Wort nehmen.
Viel Verständnis ließ Uwe Bucholz erkennen. Er ist als Streetworker in Karlsruhe sehr nah dran an der Lebenswelt der ausgegrenzten Jungen. Auch er steht dem Hip-Hop positiv gegenüber: „Hier können die Jugendlichen texten, rappen, tanzen, Graffiti sprühen und hängen nicht depressiv herum.“ Das Entsetzen, den Ekel, den sie mit ihrer Musik und den Texten bei Erwachsenen oft auslösen, ist seiner Meinung nach klare Provokation und eine wichtige Auseinandersetzung, um selbstständig zu werden. Die krassen Ausdrucksweisen führte der Jugendsozialarbeiter auch auf die zahlreichen Wettbewerbe – sogenannte Battle-Raps - unter den Rappern zurück. „Jeder will lauter, geiler, gnadenloser werden. Wenn man dem Wort „ficken“ ständig eins draufsetzen muss, wundert es nicht, wenn Animalisches herauskommt“, referierte Bucholz. Er empfahl den Tagungsteilnehmenden Hip-Hop als pädagogisches Mittel einzusetzen, damit die jungen Erwachsenen ihre Aggressionen abbauen und ihre Gefühle ausdrücken können. Eine kleine Kostprobe präsentierte der aktive Rapper Signer aus Karlsruhe. Der junge Mann, der eher zart wirkte und trotzdem sehr wütend schien, erklärte nach seinem Rap: „Wenn ich rappe ‚ich stech dich ab’, muss ich es nachher nicht mehr tun.“
Michael Herschelmann stellte den Teilnehmenden am Schluss seines Vortrags die Frage, was das Phänomen mit ihnen selbst zu tun habe. „Trifft die Krise der Männlichkeit nicht auch die erwachsenen Männer? Könnte das ein Grund für die heftigen Reaktionen der Erwachsenen sein?“ Hannes Loh meinte, das pädagogische Vorgehen sei erst der zweite Schritt. Erst müssten Jugendsozialarbeiter und Lehrer ihren eigenen Standpunkt klären.
Weniger Fragezeichen, sondern unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten gab es bei den Workshops am Nachmittag. Hans Weiblen, Lehrer an der Hauptschule Innenstadt in Tübingen, berichtete beispielsweise über ein Musikprojekt an seiner Schule. Hier entwickeln die Hauptschüler/-innen Texte zu Themen, die sie bewegen und produzieren die Musik mit Hilfe des Audio/Midi-Programm „Cubase“ selbst. Dass Rappen auch anders geht, zeigt die Erfahrung von Kolja Kaspcyk von der Musikwerkstatt Tübingen: Anhand der – unter den Jugendlichen durchaus umstrittenen - "HipHop Declaration of Peace" werden von den Rappern Texte erarbeitet, die nicht auf das "Dissen", also Ausgrenzen anderer gründen.
Der Artikel wurde in der b&w, Zeitung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im November 2008 veröffentlicht.